Jenseits von kritikloser Glorifizierung und ahistorischer Verurteilung

Nachfolgend ein geführtes Email-Interview der TAZ mit uns über den Charakter unserer Mobilisierung, das jedoch nicht abgedruckt wurde. Aus Gründen der Richtigstellung, aber auch aus informativen und mobilisierenden Gründen, wollen wir das Interview an dieser Stelle veröffentlichen. Die Fragestellungen sind sinngemäß wiedergegeben.

1) Warum gibt es einen antiautoritären Block? Was wollt ihr erreichen? Wer hat den Block initiiert?

Initiiert wurde der Block von unseren Gruppen (Siempre*Antifa Frankfurt/M und North East Antifascists Berlin [NEA]). Wir wollen mit dem Block eine kritisch-solidarische Alternative auf der traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Gedenkdemonstration bieten. Uns geht es darum auch das undogmatische (antiautoritäre) Spektrum wieder für die Gedenkdemonstration und linke Geschichtspolitik zu interessieren. In der Vergangenheit haben wir oft bemerkt, dass ein großer Teil der radikalen Linken sich heute nicht mehr in einer Tradition historischer linker Kämpfe verorten will bzw. die ProtagonistInnen dieser Kämpfe samt deren Ansätzen pauschal als veraltet auf den Geröllhaufen der Geschichte verwiesen werden. Wir wollen dahingegen eine Perspektive auf linke Geschichte eröffnen, die es ermöglicht, sich in einer kritischen Kontinuität zu historischen Kämpfen zu verorten und diese auf heutige soziale Kämpfe zu beziehen.

2) Was zeichnet den Block inhaltlich gegenüber dem Rest der Demo aus? Geht es dabei lediglich primär um Themen wie Residenzpflicht, G8 und Gentrifizierung oder geht es auch um mehr? Warum sind euch diese Themen wichtig? Gibt es nicht andere Gruppen auf der Demo, die ähnliche Themen auf der Agenda haben?

Grundsätzlich sind wir mit vielen Punkten einverstanden, die auch traditionell Thema auf der Gedenkdemonstration sind. So machen wir in unserem Aufruf klar, dass Internationalismus und eine Gegnerschaft zu Krieg und imperialistischer Politik auch für uns zu den Essentials linker Politik zählen. Wir sehen uns allerdings in Abgrenzung zu anderen Gruppen und Blöcken auf der Demonstration in einer antiautoritären Tradition, d.h. wir beziehen uns historisch auf jene Teile der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung, die der bürokratischen Erstarrung und der Diktatur einer neuen Elite kritisch gegenüberstand. Diese Traditionslinien umfassen neben den marxistischen Klassikern auch Teile der anarchistischen Bewegung (Anarchosyndikalismus, Anarchokommunismus und Plattformismus), den Rätekommunismus, auch den dissidenten Marxismus der antiautoritären Bewegung um ’68 und nicht zuletzt die autonome Bewegung. Wir verorten hier auch Rosa Luxemburg und ihre hellsichtige Kritik am elitären Kader-Modell in dieser Tradition. Die genannten Themen betreffen genau jenen aktuellen Bezugspunkt – die Vermittlung von historischen mit aktuellen Kämpfen – der uns wichtig ist, um nicht in die Fallstricke einer rein traditionalistischen Heldenverehrung zu tappen. Sie umschreiben mithin eben jene Themen, die von unseren Gruppen schon kontinuierlich bearbeitet werden und daher in unsere Mobilisierung einfließen. Nicht zuletzt, da die LL-Demo eine Plattform bietet, um im Rahmen eines linken Diskurses eigene Akzente zu setzen.

3) Gegen wen richtet sich die Feststellung in eurem Aufruf „Um eine relevante Gegenposition einnehmen zu können, müssen wir uns von den starren Fesseln unserer eigenen Organisierung lösen und auch neue Wege gehen lernen.“?

Wir haben festgestellt, dass es zwischen sozialen Bewegungen und Gruppen der radikalen Linken häufig nicht zu Synergieeffekten kommt, die aber für ein Aufbrechen der linken Vereinsmeierei (korrespondierend oftmals entweder mit Praxislosigkeit oder Theoriefeindlichkeit) und Squat/Vokü-Hinterzimmermentalität dringend notwendig wäre. Eine grundsätzliche Alternative funktioniert nicht ohne Beteiligung größerer Bevölkerungsschichten. Wir haben anhand der Entwicklungen um den Taksim-Platz in der Türkei aufgezeigt, wie wichtig es wäre, als radikale Linke wieder vermehrt mit anderen gesellschaftlichen Akteuren in Berührung zu kommen und gesellschaftliche Kämpfe auf breiter Basis zu führen. Doch gerade dort, wo sich in den vergangenen Jahren Basisaktivitäten geregt haben, reagierte die radikale Linke lediglich mit Abgrenzungen oder bleibt ignorant. Zu einer Auseinandersetzung mit den oft unbedarften Ansätzen, die beispielsweise Occupy im Wesentlichen trugen, kam es bundesweit eher selten. Wir halten dagegen ein Plädoyer dafür, Widersprüche zur eigenen politischen Agenda in Kauf nehmen zu können, um auch hierzulande wieder wahrnehmbarer Akteur in sozialen Bewegungen werden zu können. Mit zunehmender Nischenbildung ist das sicherlich nicht zu haben. Die Schwierigkeit liegt darin, den sozialen Protest bedeutend zu verbreitern und zugleich zu einer systemüberwindenden Perspektive hin auszurichten.

4) Und auf welche bürgerlichen Politiker spielt ihr im Satz an ,,Dabei lassen wir uns nicht von bürgerlichen PolitikerInnen unsere Geschichte lektorieren, denn linke Geschichte gehört uns und es liegt in unserer Hand, sie weiter zu schreiben'‘?

Der Satz spielt auf die Debatte um die Extremismustheorie von Jesse/Backes und der aus deren Agenda abgeleiteten „Demokratieklausel“ an. Solche Ansätze VS-naher „Wissenschaftler“ geben sich neutral, richten sich de facto jedoch immer gegen die Linke. Wir erleben tagtäglich, wie linke Politik in Verweis auf das gescheiterte realsozialistische Projekt delegitimiert wird. Statt diesen Deutungen eine alternative Interpretation des Scheiterns entgegenzustellen, die fruchtbar für einen neuen Aufbruch wäre, geraten nicht wenige innerhalb der Linken in totalitarismustheoretisches Fahrwasser und argumentieren mit Versatzstücken totalitarismus- und extremismustheoretischer Couleur. Wir legen dahingegen auf eine kontroverse, aber konstruktive Auseinandersetzung um unsere Geschichte Wert, aus der für zukünftige Kämpfe gelernt werden kann und die sich nicht zum Erfüllungsgehilfen einer gegen die Linke gerichteten anti-kommunistischen Politik macht.

5) Wollt ihr, dass die LL-Demo neue Wege geht, also „moderner“ wird?

Wir würden es sehr begrüßen, wenn in Zukunft durch Beteiligung von mehr Gruppen die LL-Demonstration „moderner“ gestaltet werden kann. Hinter unserem Aufruf steht natürlich auch die an alle anderen beteiligten Gruppen gerichtete Frage: Wie können wir unter den heutigen politischen Verhältnissen attraktiver, d.h. wirksamer werden. Konkret zu dieser Frage: Ein Gedenken organisieren, das nicht zur ritualisierten Wiederholung verkommt, sondern potentiell einer linken Selbstvergewisserung im aktuellen Bezug dienlich wäre. Unsere Überzeugungen resultieren aus den Kämpfen mitsamt den Fehlern der Vergangenheit, stehen bleiben sollten Sie dort jedoch nicht.


6) Richtet ihr euch auch gegen die Teilnahme stalinistischer und maoistischer Gruppen an der LL-demo und die Übergriffe aus der Vergangenheit? Wie steht ihr zu den stalinistischen und maoistischen Gruppen? Wie kann in euren Augen der Konflikt um diese Gruppen gelöst werden?

Grundsätzlich ist es ohnehin fragwürdig, alle möglichen, in ihrem Charakter und in ihrer ideologisch-strategischen Ausrichtung durchaus unterschiedlichen Gruppen und Kleinstparteien unter dem politischen Kampfbegriff des Stalinismus zu subsumieren und die Unterschiede zwischen ihnen zu nivellieren. Wir verstehen uns als solidarische, aber kritische (!) Alternative und würden in der konkreten Auseinandersetzung mit sogenannten „stalinistischen“ Gruppen starke Unterschiede in der Geschichtsdeutung, wie in vielen anderen inhaltlichen Punkten entdecken. Labeling und Ausschlusspolitiken ersetzen aber keine konkrete politische Auseinandersetzung. Jenseits von kritikloser Glorifizierung und ahistorischer Verurteilung versuchen wir neue Wege zu finden. Wir sind weiterhin grundsätzlich nicht der Meinung, dass eine Auseinandersetzung um linke Geschichte auf eine Art und Weise geführt werden sollte, wie es die letzten Jahre geschah – das bezieht sich auf beide beteiligten Fraktionen.

7) Was haltet ihr von der ,,Rosa und Karl Demo'‘? Denkt ihr, dass das ein guter Ansatz ist?

Wir halten die Rosa & Karl Demonstration für keinen glaubwürdigen Ansatz. Es wird sich dort nicht auf Liebknecht und Luxemburg als kämpfende und klassenbewusste Antimilitaristen und Antiimperialisten bezogen, d.h. ein signifikanter Teil ihres Selbstverständnisses wird schlicht ausgeklammert. Dabei liegt ein aktueller Bezug angesichts der hegemonialen Rolle Deutschlands in Europa seit der Krise 2008 und einer zunehmend militarisierteren Außenpolitik auf der Hand. Wer von einer „von Ausbeutung und Zwang befreiten Welt“ redet, aber nicht die Kriegspolitik der imperialistischen Zentren und die neo-koloniale Ausbeutung in der Peripherie thematisieren will und darüber hinaus keine Perspektive für einen neuen Internationalismus und internationale Solidarität bietet, für den bleibt das Gesagte nur Floskel. Statt die militärischen Exzesse und die massenhafte Verelendung des gegenwärtigen „menschenfeindliches Systems“ zu benennen, wird unter Auslassung jener Aspekte das historische realsozialistische Projekt in einer Form kritisiert, die lediglich als moralistisch umschrieben werden kann. Eine solche Position macht sich, vielleicht ohne es zu bemerken, zum Steigbügelhalter bürgerlicher und damit herrschaftsaffirmativer Argumentationen. Zudem lehnen wir die oftmals elitäre Mentalität der dieses Spektrum tragenden Gruppen ab. Jenseits einer rein moralischen Verurteilung der Vergangenheit geht es uns um historische Einordnung, die gleichermaßen selbstkritisch wie selbstbewusst auftritt um so das heutige Terrain des Kampfes abzustecken.

Kommt zum antiautoritären Block auf der traditionellen LL-Gedenkdemonstration 2014!

Sonntag, 12.01.2014 | 10:00 Uhr | Frankfurter Tor | Berlin

Mehr Infos: http://aablock.blogsport.de